Archive for Januar 2013

Prof. Pfeiffer und die katholischen Bischöfe

Januar 15, 2013

Zur Kündigung des Vertrags zur Erforschung des sexuellen Missbrauchs durch Mitarbeiter der katholischen Kirche zwischen dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) und dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD)

Wolfgang Klosterhalfen, Düsseldorf, 15.1.2013

Kurzlink: http://wp.me/pt7U1-3n

 

1. AKTENVERNICHTUNG

 Behauptungen von Prof. Pfeiffer

„Unabhängig voneinander haben zwei renommierte Persönlichkeiten der Katholischen Kirche mich in den vergangenen Wochen darauf hingewiesen, dass ihnen verlässliche Informationen vorliegen, wonach man in verschiedenen Diözesen die vergangenen zwölf Monate dazu genutzt hat, aus den Geheimarchiven Täterakten zu entfernen. Zum Teil sei dies unter Anwendung der kirchenrechtlichen Vorschrift geschehen…Daneben gäbe es aber auch die Praxis, Akten schlicht dem Zugriff der Personen zu entziehen, die später dafür verantwortlich wären, sie an die für die Aktenanalyse zuständigen Juristen zu übergeben.“ (Brief an alle katholischen Bischöfe in Deutschland, 22.10.2012)

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/missbrauch-in-katholischer-kirche-im-geheimen-12023052.html

Weitere Behauptungen von Prof. Pfeiffer (Interview im Deutschlandfunk):

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=apCdsB4qxXY

Dementis

„(Es gebe) keinerlei Anhaltspunkte über Aktenvernichtungen im kirchlichen Bereich.“

Hans Langendörfer (Sekretär der Bischofskonferenz)

http://www.heute.de/Ministerin-geht-auf-Distanz-zur-katholischen-Kirche-26088022.html  10.1.2013

 „Es ist also falsch, den Eindruck zu erwecken, es gebe eine vom kirchlichen Recht her geforderte Aktenvernichtung.“

Bischof Stephan Ackermann, „Missbrauchsbeauftragter“ der DBK,

Neue Rheinische Zeitung, 12.1.2013

http://www.derwesten.de/nrz/politik/bischof-beteuert-die-kirche-wolle-weiter-aufklaeren-id7471972.html

 Mein Kommentar zur Frage der Aktenvernichtung:

Es ist irreführend, den Eindruck zu erwecken, das Forschungsprojekt sei nicht durch die Vernichtung von Akten behindert worden. Es reicht schon, wenn Teile von Akten nicht mehr auffindbar sind.  Im Zusammenhang mit Strafsachen im sexuellen Bereich müssen Akten der katholischen Kirche bis auf einen „kurzen Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils“ zehn Jahre nach der Urteilsverkündung oder unmittelbar nach dem Tod des Täters vernichtet werden:

Vorschriften (Hervorhebungen nicht im Original)
Codex Iuris Canonici (CIC)
Can. 489

§ 1. In der Diözesankurie muß es außerdem ein Geheimarchiv geben, wenigstens aber einen eigenen Schrank oder ein eigenes Fach im allgemeinen Archiv, das fest verschlossen und so gesichert ist, daß man es nicht vom Ort entfernen kann; in ihm müssen die geheimzuhaltenden Dokumente mit größter Sorgfalt aufbewahrt werden.

§ 2. Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.

Can. 490

§ 1. Nur der Bischof darf den Schlüssel zum Geheimarchiv haben.

§ 2. Während der Sedisvakanz darf das Geheimarchiv bzw. der Geheimschrank nur im Falle wirklicher Notwendigkeit vom Diözesanadministrator selbst geöffnet werden.

§ 3. Aus dem Geheimarchiv bzw. Geheimschrank dürfen keine Dokumente herausgegeben werden.

Normae de gravioribus delictis

Art. 6

§ 1. Die der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehaltenen schwerwiegenderen Vergehen gegen die Sitten sind:

Die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot mit einem Minderjährigen unter achtzehn Jahren; bezüglich dieser Straftat wird dem Minderjährigen eine Person gleichgestellt, deren Vernunftgebrauch habituell eingeschränkt ist.

2° Der Erwerb, die Aufbewahrung und die Verbreitung pornographischer Bilder von Minderjährigen unter vierzehn Jahren in jedweder Form und mit jedwedem Mittel durch einen Kleriker in übler Absicht.

Art. 26

§ 1. Unbeschadet des Rechts, an das Oberste Gericht zu appellieren, müssen die gesamten Akten des Verfahrens, wenn die Sache bei einem anderen Gericht wie auch immer entschieden worden ist, von Amts wegen umgehend an die Kongregation für die Glaubenslehre übersandt werden.

Art. 30

§ 1. Die genannten Verfahren unterliegen dem päpstlichen Amtsgeheimnis.

Zur Aufbewahrung bzw. Vernichtung von Akten der RKK im Zusammenhang mit Sittlichkeitsdelikten,  s. auch:

http://hpd.de/node/14802

Bei diesen kirchenrechtlich vorgeschriebenen Vernichtungsaktionen gehen regelmäßig Protokolle, Vernehmungen, Zeugenaussagen, Reaktionen der kirchlichen Vorgesetzten und Notizen verloren. Die Vorgänge können dann psychologisch kaum noch beurteilt werden. Letzteres wäre aber für Präventionsmaßnahmen wichtig und war daher ein Kernanliegen der geplanten Untersuchungen. Der VDD scheint Herrn Prof. Pfeiffer nicht vor Vertragsabschluss auf Canon 489 aufmerksam gemacht zu haben. Das ist skandalös.

Dass mit dem Vernichten oder Verstecken ganzer Personalakten zu rechnen ist, zeigt eine vor kurzem im Bistum München und Freising durchgeführte Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei: Demnach haben „Aktenvernichtungen in erheblichem Umfang stattgefunden“ und es wurden „weitreichende Aktenbestände außerhalb des Ordinariats in Privatwohnungen eingelagert“. Letztere Akten wiesen „teilweise offenkundige Lücken“ auf. Wegen eines euphemistischen und verharmlosenden Sprachgebrauchs könne aus Sicht der Gutachter das Tatgeschehen und die Auswirkungen für die Opfer oftmals nur erahnt werden. http://www.erzbistum-muenchen.de/media/media14418720.PDF Herr Dr. David Berger (Buch: Der heilige Schein) erklärte im SWR-Nachtcafé am 16.9.2011: „Aus der Zeit Ratzingers als Erzbischof existiert nur eine einzige Akte, alle anderen scheinen verschwunden zu sein.“


2. BEHINDERUNG DER FORSCHUNG

 Vertrag zwischen VDD und KFN, Juli 2011

http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/a1vertrag.pdf

Vom VDD gewünschte Vertragsänderungen, Mai 2012 (Beispiele)

http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/anlage2vertragsgeschichte.pdf

§ 1 (3) … Sollten andere Personen – auch nur vorübergehend – eingesetzt werden, ist dies dem VDD anzuzeigen. Der VDD kann nur aus wichtigem Grund in der Person des Drit-ten dessen Teilnahme an der Untersuchung auf Seiten des KFN unverzüglich widersprechen. Die Einsetzung des Dritten hat in diesem Fall zu unterbleiben.§ 4(3) Die Untersuchungsergebnisse des KFN müssen dem Projektbeirat vor einer etwaigen Veröffentlichung vollständig vorgelegt werden, um dem Projektbeirat dadurch die Möglich-keit zur Stellungnahme zu geben. …

§ 5(1) Sämtliche Verwertungs- und Nutzungsrechte betreffend die Untersuchungsergebnisse und alle auf deren Grundlage gefertigten Berichte liegen ausschließlich beim VDD.

Über die Veröffentlichung der im Rahmen der Untersu-chung erstellten (Zwischen- und Abschluss-) Berichte, insbesondere Art und Umfang der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse gegenüber der Öffentlichkeit, entscheiden VDD und KFN gemeinsam. Ist eine Einigung nicht möglich, unterbleibt die Veröffentlichung.

§ 5(2) Insbesondere die Nutzung der Untersuchungsergebnisse und des zugrunde liegenden Datenbestandes zu wissenschaftlichen Zwecken, namentlich durch das KFN selbst im Rahmen vergleichender Forschung sowie durch Publikationen in (Fach-)Zeitschriften, oder durch ein-zelne an der Untersuchung beteiligte Personen zur Erlangung akademischer Grade bedarf der ausdrücklichen vorherigen schriftlichen Zustimmung durch den VDD. …

§ 5(4) Das KFN ist verpflichtet, nach Abschluss der Untersuchung alle Datenbestände, die im Zuge der Untersuchung angefallen sind, auch soweit sie in elektronischer Form vorliegen, insbesondere auch die von den Mitgliedern der Arbeitsgruppen erstellten Analysebögen an den VDD herauszugeben. Das KFN ist nicht berechtigt, Kopien dieser Datenbestände aufzubewahren.

§ 9 Das KFN verpflichtet sich, unter Ausschluss eines Fortsetzungszusammenhangs für jeden Fall der Zuwiderhandlung gegen eine eigene, sich aus diesem Vertrag ergebende oder von ihm in diesem Vertrag für einen Dritten übernommene Verpflichtung eine Vertragsstrafe in Höhe von 20.000,00 EUR zu bezahlen. …

Stellungnahme von Prof. Pfeiffer zu den gewünschten Änderungen: Siehe obiger Link.

Interview mit Prof. Pfeiffer, ca. 10.1.2013 (8:32)

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=apCdsB4qxXY

Mein Kommentar zur Frage der Forschungsbehinderung:

Es handelt sich bei den obigen Beispielen um den Versuch einer massiven und inakzeptablen Einschränkung der Forschungsfreiheit.

Mein allgemeiner Kommentar zum Missbrauch durch katholische Priester:

Die unsittlichen Übergriffe durch Mitarbeiter der römisch-katholischen Kirche haben zum Teil epidemische Ausmaße angenommen: http://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_r%C3%B6misch-katholischen_Kirche

Während in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika noch eher wenig Aufklärungsarbeit geleistet wurde, waren in den USA, in Irland und in den Niederlanden staatliche Kommissionen tätig. Die Vertuschung dieser Verbrechen wurde und wird von Herrn Dr. Joseph Ratzinger begünstigt: www.reimbibel.de/B16.htm

 In den USA wurden für die Jahre 1950 bis 2002 insgesamt 4.392 Fälle von tatverdächtigen Priester ermittelt, dass sind etwa 4% der katholischen Priester.

Im vergleichsweise kleinen Irland (4.3 Millionen Einwohner, 87% Katholiken) hat eine Regierungskommission 2500 Kinder angehört, die in Heimen und Gemeinden sexuell misshandelt und/oder geschlagen worden sind: „Sexual abuse was endemic in boys’ institutions.“ Im Jahr 2003 haben 12.000 Opfer jeweils 65.000 Euro Schadensersatz erhalten. www.childabusecommission.com/rpt/

http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/missbraucht-im-namen-des-herrn/

In den Niederlanden schätzte eine Kommission unter Leitung des ehemaligen Bildungsministers Wim Detmann, dass von 1945 bis 1985 zwischen 10.000 und 20.000 Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der römisch-katholischen Kirche wurden.

In Deutschland ist mit Tausenden von Missbrauchsopfern allein in Einrichtungen der katholischen Kirche zu rechnen. Hinzu kommen hunderttausende von Kindern und Jugendlichen, die in Heimen der evangelischen und der katholischen Kirche ausgebeutet und misshandelt wurden. Dass die meisten dieser Fälle nie aufgeklärt wurden und nur ein kleiner Teil der Betroffenen – in bescheidenem Umfang – „entschädigt“ wurde, ist und bleibt eine Schande für Deutschland. Es ist höchste Zeit, dass der Staat eine Untersuchungskommission einsetzt und die Aufklärung dieser Schandtaten nicht weiter überwiegend den Organisationen der Täter überlässt.

Nachtrag: Matthias Krause argumentiert zurecht, die Studie sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen:

http://skydaddy.wordpress.com/2013/01/11/missbrauchsstudie-mangender-aufklarungswillen-nicht-der-knackpunkt/

 

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