Kritik von Heinz-Werner Kubitza am Youcat

Im März 2011 erschien bei Pattloch der „Youcat“, der in Form von Fragen und Antworten die Lehre der römisch-katholischen Kirche (RKK) für Jugendliche darstellt. Während der Katechismus der RKK in sage und schreibe 2865 Paragraphen den Gläubigen genau vorschreibt, was diese zu glauben und zu tun haben, beschränkt sich der locker und kuschelig daherkommende „Youcat“ auf 527 Punkte. Die ersten 165 davon, die „Grundlagen“ des Glaubens betreffen, hat der gelernte Theologe und Autor von „Der Jesuswahn“ Heinz-Werner Kubitza aus rational-wissenschaftlicher Perspektive kommentiert. Kubitza zeigt, wie unvernünftig nicht nur die Anworten, sondern wie problematisch oft auch schon die Fragen des „Youcat“ sind. Dies möchte ich anhand der ersten fünf Youcat-Fragen und kurzen Ausschnitten aus „Verführte Jugend“ veranschaulichen (die Anmerkungen Kubitzas zu den einzelnen Fragen sind ausführlicher).

1. Wozu sind wir auf der Erde? „Der Youcat stellt gleich als Erstes die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und die Vertreter einer Ideologie, in diesem Fall einer religiösen Ideologie, können meist nicht anders, als für alle Menschen den gleichen Sinn vorzuschreiben. Wie in den Staaten des alten, real existierenden Sozialismus alle dazu verurteilt waren, diesen Sozialismus aufzubauen und ihm zu dienen, sollen in einer religiösen Ideologie wie dem Katholizismus alle Menschen Gott erkennen und ihn lieben. Da stellt sich sogleich die Frage: Was ist mit Menschen, die dem nicht folgen wollen? Die für ihr Leben andere Pfade und andere Ziele sehen als die ausgetretenen katholischen Pfade?“

2. Warum schuf uns Gott? „Schuf er uns denn? Nach dem Stand der gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschung hat sich die menschliche Spezies – und mit ihr alle Lebewesen – in einem über Milliarden von Jahren hinziehenden Evolutionsprozess herausgebildet und ist keineswegs durch den Schöpfungsakt eines Gottes entstanden.“

3. Warum suchen wir nach Gott? „Die Kirchen tun auch heute immer noch so, als sei die Suche nach Gott irgendwie dem Menschen eingepflanzt, als gehöre sie zur menschlichen Natur. Natürlich wollen Menschen Erkenntnisse zu den grundlegenden Fragen des Menschseins erlangen (Wo komme ich her?, Wo gehe ich hin?, Wie soll ich handeln?), aber dies ist nicht zwangsläufig mit der Gottesfrage verbunden. Und überhaupt: Welcher der zehntausend Götter dieser Welt sollte denn da Antworten geben können? … Welcher Religion man angehört, ergibt sich in erster Linie daraus, wo man geboren ist. Dies ist keine Frage von Wahrheit, sondern von Sozialisation. … In Europa leben Millionen ohne den Glauben, und nur die Kirchen sind der Meinung, dass ihnen dadurch etwas fehlen würde.“

4. Können wir die Existenz Gottes mit unserer Vernunft erkennen? „ … Die Frage der Erkennbarkeit Gottes durch die Vernunft ist eigentlich keine theologische, sondern eine philosophische Frage. … Die Gottesbeweise, mit denen die katholische Kirche auch heute noch gerne hausieren geht, sind spätestens seit Immanuel Kant keine akzeptierte Währung mehr. Eine im Mittelalter kastrierte Philosophie hat ihre Sprache wiedergefunden und kommt heute ohne einen Gottesbegriff aus, ja ein solcher gilt heutzutage geradezu als unvernünftig.“

5. Warum leugnen Menschen Gott, wenn sie ihn doch mit ihrer Vernunft erkennen können? „Diese Frage ist ein Scheinproblem, denn die Prämisse stimmt nicht: Gott ist eben nicht mit der Vernunft erkennbar (siehe Frage 4), auch wenn Paulus dies zehnmal geschrieben hätte. Viel eher sind heute viele Menschen durch ihre Vernunft davon überzeugt, dass der Aufbau der Welt einen Gott eher unwahrscheinlich erscheinen lässt.“

So geht es Punkt für Punkt weiter und Kubitza hätte sicherlich ohne große Mühe auch bei den Fragen 166 bis 527 deutlich machen können, dass es sich beim christlichen bzw. katholischen Glauben um menschliche Phantasien handelt, die einer kritischen Überprüfung ebenso wenig standhalten wie sonstige Göttersagen.

Wozu der „Youcat“ überhaupt nicht verführt, ist das eigene kritische Denken. Die allwissende und allein seligmachende katholische Kirche ist ja im Besitz der Wahrheit, und die jugendlichen „Schäfchen“ müssen sich diese nur noch eintrichtern lassen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kritik an der RKK findet nicht statt. Im Grunde werden die „Schäfchen“ von ihren „Hirten“ nicht als vernunftbegabte Wesen ernst genommen, sondern alle über einen Kamm geschoren. Eine merkwürdige Auffassung von „Menschenwürde“.

Ich kann Jugendlichen und auch Erwachsenen, Gläubigen und Ungläubigen, nur empfehlen, sich Kubitzas gut lesbare, fundierte und zudem recht preiswerte Kritik des „Youcat“ und damit des christlichen Glaubens (unter besonderer Berücksichtigung der katholischen Lehre) zu Gemüte zu führen. Besonders reizvoll ist es, „Youcat“ und „Verführte Jugend“ parallel zu lesen. In Kombination könnten beide Schriften auch gut von Religions- und Ethiklehrer/inne/n eingesetzt werden, die informieren und zum Nachdenken anregen, aber nicht „auf Teufel komm raus“ missionieren möchten. Wie auch zum „Jesuswahn“ hat der Autor zu seiner „Youcat“-Kritik eine umfangreiche Internetseite mit Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Leseproben und demnächst auch Kritiken angelegt.

PS: Angesichts der bedrohlichen Lage der Menschheit dürfte es klar sein, dass in die Fähigkeiten junger Menschen investiert werden muss, Probleme intelligent anzugehen und dabei zwischen tröstlichen Illusionen und Fakten zu unterscheiden. Eine religiöse Sozialisation kann das nicht leisten, sondern verführt die Jugend zu unkritisch-autoritärem Denken und zur Flucht in Phantasiewelten. Es würde mich daher sehr freuen, wenn es wenigstens diese zweite kirchenkritische Schrift von Kubitza in die großen Medien schaffen würde. Aber die werden – ebenso wie die Politik – ja immer noch von den Kirchen dominiert.

Kurzlink zu dieser Rezension: http://wp.me/pt7U1-2J

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