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Matthias Matussek: Das katholische Abenteuer

Juli 7, 2011

Zu Matusseks abenteuerlichem Buch gibt es eine lesenswerte kritische Stellungnahme von Gerhard Czermak: http://hpd.de/node/11733

Ich habe das Buch durchaus mit Interesse gelesen, da es einen guten Einblick in die Gedankenwelt eines linientreuen Katholiken gibt. Es kommt recht anschaulich rüber, wie behaglich man es sich im Katholizismus mit seinen Ritualen und seiner staatlich subventionierten Mystik einrichten kann.

Peinlich wird es allerdings, wenn sich Matussek seine inner- und außerkirchlichen Gegner vornimmt. Drewermann watscht er ab, indem er Dyba zitiert: „Ein wabernder Hirtenpullover, den keiner mehr hören kann.“ (197). Auch Küng, der in „Ist die Kirche noch zu retten?“ jede Menge gut begründeter Kritik vorbringt, „erledigt“ er mit dem Dyba-Zita: „Ein vergeudetes Riesentalent.“ und einem Witz über Küng.

Hier noch weitere intellektuell dürftige Aussagen von Matussek: „Ohne den Gedanken an Gott ist dauerhaftes moralisches Handeln nicht möglich…“. (18) Dass hieße, dass die Mehrheit der Bevölkerung in der DDR sich dauerhaft unmoralisch verhalten hat und derzeit etwa die Hälfte der Deutschen sich unterhalb des hohen ethischen Niveaus von Matussek bewegen. Wie hoch dies ist, zeigt sich u.a. in seinen Äußerungen über Wissenschaftler/innen: „Die scharfsinnigsten Geister halten es für erstrebenswert, unsere und ihre eigene geistige Existenz auf das Spiel von Proteinen und Enzymketten und Genen runterzurechnen.“ (88) Natürlich zitiert er keinen Autor, der eine so extreme Sicht vertritt. Und es ist doch völlig klar, dass die Naturwissenschaften zum Verständnis intrapsychischer Vorgänge beitragen. „Im Grunde sind Wissenschaftler Theologen des Schreckens.“ (89) Nähere Erläuterung dieser These: Fehlanzeige. „Nein, ohne Glauben, der auch der Glaube an das Gute ist und daran, dass wir zur Rechenschaft gezogen werden für das Böse, fällt die Gesellschaft auseinander – in einander zerfleischende Wolfsrudel.“ (93) Na, dann kann ich nur hoffen, dass nicht noch mehr Christen ihre Angst vor dem Jüngsten Gericht und der Hölle verlieren. Dass man außerhalb dieser primitiven, auf den eigenen Vorteil ausgerichteten Moral auch Gutes um seiner selbst willen tun kann, oder weil es Vorteile im Diesseits durch Kooperation gibt, oder weil es – wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind – schon in den Genen liegt, scheint dem Autor verborgen geblieben zu sein. Ein letztes Beispiel für Matusseks Eindreschen auf Strohmänner: „Noch einmal zu unseren Messfanatikern mit Zollstock und Waage: Selbst die exakteste Wissenschaft kommt ohne ständige Rückgriffe auf den Glauben nicht aus.“ Um dies zu „belegen“, verwendet M. den beliebten Trick, „glauben“ im Sinne von „vermuten“ zu verwenden. (96)

Peinlich ist auch Matusseks Versuch, sexuelle Übergriffe des göttlichen Bodenpersonals zu verharmlosen. Nur 0.1% der Delikte würden von Priestern begangen. Unter der Annahme, dass es in Deutschland im Vergleich zu Priestern etwa tausend mal so viele nicht-geweihte Männer gibt, wäre eine Anzeigequote von 0.1 Prozent im Rahmen der Erwartungen. Allerdings ist damit zu rechnen, dass weniger Priester als sonstige Männer auch angezeigt werden. Rom wollte solche Fälle möglichst diskret behandeln. Kardinal Ratzinger schrieb daher als Präfekt der vatikanischen Glaubenkongregation am 18.5.2001 an die Bischöfe in Hinblick auf Straftaten gegen die Sittlichkeit und andere schwere Straftaten (De delictis graviboribus): „Fälle dieser Art unterliegen dem päpstlichen Geheimnis.“ Nicht gerade eine Aufforderung, in Verdachtsfällen die Kriminalpolizei einzuschalten.

Herrn Dr. Ratzinger hält er natürlich für den größten Theologen, den wir haben. Ratzingers Theologie zeichnet sich indes u.a. dadurch aus, dass er die Ergebnisse der kritischen Theologie gerne ignoriert. Im ersten Band von JvN (S. 447) kommt die nur einmal vor: „Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichrist werden. … Aus scheinbaren Ergebnissen der wissenschaftlichen Exegese sind die schlimmsten Bücher der Zerstörung der Gestalt Jesu, der Demontage des Glaubens geflochten worden.“ Statt sich mit der Kritik auseinanderzusetzen, verteufelt der ach so intellektuelle Ratzinger, der sich für den Stellvertreter Jesu hält (schon allein wegen des vatikanischen Pomps eine bizarre Vorstellung) den Gegner. Die Legende vom Gottessohn ist längst wissenschaftlich widerlegt worden, und es ist klar, dass nur wenige „Worte Jesu“ vom diesem selbst stammen können. Herrn Matussek und dessen habilitiertem Vorbeter sei das Buch des (nur promovierten) Theologen Heinz-Werner Kubitza empfohlen: Der Jesuswahn. Dies erläutert, dass nicht Christus die Kirche, sondern die Kirche Christus begründet hat.

Ein naives, aber bisweilen dreistes Bekenntnisbuch, dass Kritik an dieser Variante esoterischer Jenseitsanschauungen auf eindrucksvoll primitive Weise abwehrt.