Archive for Februar 2011

Die kirchliche Unterwanderung Deutschlands

Februar 22, 2011

Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Uwe Lehnert

Nach den Schätzungen der Kirchen selbst wird um 2025 die Mehrheit der Bevölkerung keiner der beiden großen Kirchen noch angehören. Aufgrund der Missbrauchsskandale und des allgemeinen Vertrauensschwunds in die moralische Autorität der Kirchen dürfte diese Situation vermutlich noch früher eintreten.

Aber die Kirche setzt offenbar zur Zeit gar nicht mehr so sehr auf die Wirksamkeit einer großen Mitgliedschaft. Sie sucht vielmehr ihren Einfluss in der Politik weiter auszubauen, wo sie ja längst ihre Bataillone in den Parteien in Stellung gebracht hat. Man beobachte nur, wie kaltschnäuzig die Bemühungen abgebügelt werden, innerhalb der Parteien für den Laizismus, der eigentlich im Grundgesetz angelegt ist, zu werben. Im Fernsehen besitzt die Kirche in Sachen Weltanschauung längst das Meinungsmonopol, dafür sorgt schon der Alleinvertretungsanspruch in religiösen oder weltanschaulichen Fragen, den sie sich über die Rundfunk- und Fernsehräte gesichert hat. Praktisch alle relevanten Posten in den Medien werden von sich betont zum Christentum bekennenden Vertretern besetzt. (Dem widerspricht nicht, dass ab und zu Alibi-Atheisten bzw. -Humanisten auftreten und wenn sie Glück haben, mehr als einen Satz ohne Unterbrechung sagen dürfen.) Über konfessionelle Kindergärten und Schulen, die praktisch vollständig von allen Steuerzahlern finanziert werden, sorgt sie dafür, dass Aberglaube und Intoleranz weiter verbreitet werden. Vom Bundesverfassungsgericht hier klärende Worte zu erwarten, dürfte eine vergeblich Hoffnung sein, wenn man doch weiß, dass diese höchsten, der Neutralität verpflichteten Richter weitestgehend nach ihrem Bekenntnis zum Christentum – natürlich verdeckt – von den Parteien vorgeschlagen werden, und wenn man inzwischen weiß, dass sie sich seit Jahren in Arbeitskreisen regelmäßig mit Kirchenvertretern treffen. Dabei sollte man sich immer bewusst sein, dass schon heute rund 40 Prozent der Bevölkerung nicht den christlichen Kirchen zugehören.

Wir sind längst ein Staat mit kirchenstaatähnlichen Zügen: theologische Fakultäten als Pfarrer ausbildende Institutionen an staatlichen Universitäten; Mitspracherecht des Papstes, also einer ausländischen Macht, bei der Errichtung und Schließung von katholisch-theologischen Lehrstühlen in Deutschland; Mitspracherecht der Kirche bei der Besetzung sog. Konkordats-Lehrstühle; Religion als ordentliches und benotetes Schulfach in eigentlich weltanschaulich neutralen Schulen, wobei die Religionslehrer vom Staat finanziert werden; beamtete Pfarrer in Bundeswehr und Strafvollzug; Bezahlung von Bischöfen, Kardinälen und Domherren samt Nebenkosten aus allgemeinen Steuermitteln; staatliche Zuschüsse zu den Kirchentagen in teilweise zweistelliger Millionenhöhe aus allgemeinen Steuermitteln; Kirchensteuereinzug durch die staatlichen Finanzämter; jahrelang erfolgter zwangsweiser und nicht rückerstattungsfähiger Kirchensteuerabzug beim Arbeitslosengeld, auch wenn keine Kirchenmitgliedschaft vorliegt (vom BVG als rechtmäßig bezeichnet!); kirchliches Arbeitsrecht mit siginifikant weniger Rechten für den Arbeitnehmer und Zwangsmitgliedschaft in der Kirche über staatlichem Arbeitsrecht stehend; Alleinvertretungsanspruch der Kirchen in weltanschaulichen Fragen in den Rundfunk- und Fernsehräten (siehe oben!); nicht kündbare Verträge zwischen Staat und Kirche, die der Kirche Einfluss und vor allem Finanzmittel in Milliardenhöhe (siehe Carsten Frerk: Violettbuch!) sichern; aktuell der Versuch, die Präimplantationsdiagnostik mit religiösen Gründen für alle Bürger, auch die betont nichtreligiös eingestellten, gesetzlich zu verbieten.

Über den Autor:
Uwe Lehnert hatte eine Professur für Didaktik an der Pädagogischen HS Berlin inne, später einen Lehrstuhl für Unterrichtswissenschaft an der FU Berlin. Ein Ergebnis seiner gründlichen Auseinandersetzung mit dem Christentum ist sein Buch „Warum ich kein Christ sein will – Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung“, das gerade in einer überarbeiteten 4. Auflage erschienen ist.

Zur Homepage von Prof. Lehnert: http://www.uwelehnert.de/index.shtml

Zu den Buchbesprechungen bei Amazon: http://www.amazon.de/Warum-kein-Christ-sein-naturalistisch-humanistischen/dp/3939520705/ref=pd_sim_b_2

Düsseldorfer Aufklärungsdienst

Februar 10, 2011

Am Montag (am Dienstag war wohl kein Saal zu kriegen) zelebrierte der Düsseldorfer Aufklärungsdienst seine zweite öffentliche Veranstaltung im düsseldorfer Zentrum für Aktion, Kunst und Kommunikation (zakk). Es versteht sich von selbst, dass die Rheinische Post, die penetrant jeden Gottesdienst, jeden theologischen Vortrag, jedes Gemeindefest und jedes Treffen eines Bibelkreises ankündigt, ihre ca. 1.2 Millionen Leser und Leserinnen über solch gottlose Aktivitäten lieber nicht informiert. Aber siehe, es geschah ein Wunder: die Westdeutsche Zeitung hat über die bildlich illustrierte Lesung des kölner Zeichners und Autors Ralf König (Kondom des Grauens, Der bewegte Mann) berichtet. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Präsentation Herrn Stefan Kreidewolf von der WZ ziemlich gut gefallen hat. (Die WZ war mir schon mal sehr angenehm durch zwei kritische Hintergrundartikel zum Mythos „Ostern“ aufgefallen.) Teuflisch gut waren auch vor und nach der „Ralf-König-Show“ die fröhlich-dynamischen Stücke der electro pop band KITSCH CATS.

Schon die erste Veranstaltung des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes (Ende des letzten Jahres) war sehr interessant. Da ging es um die Milliarden der Kirchen, und man erfuhr von dem Autor des Violettbuchs der Kirchenfinanzen, Dr. Carsten Frerk, dass die beiden großen Kirchen nicht nur jährlich 9 Mrd. Euro an Kirchensteuern einnehmen, sondern außerdem noch 19 Mrd. direkt und indirekt vom Staat, d.h. auch ungläubigen und andersgläubigen Steuerzahlern erhalten. Zum Beispiel stammen nur etwa 6 Mrd. der Kirchensteuern von den Mitgliedern der staatlich privilegierten Kirchen, die restlichen 3 Milliarden übernimmt das Finanzamt, indem es auf Steuern verzichtet (Abschreibung der gezahlten Kirchensteuer als Sonderausgabe). Außerdem bezahlt der Staat die Religionslehrer und kommt für die gesamten Kosten der theologischen Fakultäten auf. Auch die hohen Gehälter der meisten Bischöfe und von Kardinal Meisner dürfen die Atheisten mitbezahlen. Was kaum jemand weiß: an den Kosten von Caritas und Diakonie beteiligen sich die Kirchen mit jeweils nur knapp zwei Prozent. Bei den kirchlichen Kindergärten sind es im Schnitt zwölf Prozent, bei den „kirchlichen“ Krankenhäusern zahlen die Krankenkassen.

Der nächste Aufklärungsdienst soll wie sich das gehört an einem Dienstag stattfinden: 3. Mai, 20 Uhr, 8 bzw. 3 Euro. Es soll um Bekenntnisse vs. Erkenntnisse an düsseldorfer Schulen gehen. Und vermutlich wird ein gewisser Wolfgang Klosterhalfen wieder aus seiner Reimbibel vortragen.